Vorgeschichte


Vorgeschichte (sorry, viel Text)

Schon immer hatte ich leichte Probleme mit meiner Beinstellung, besonders des linken Beines. Als Kind erhielt die häufigen Hinweise “nicht über den Onkel zu laufen”. Das ist vielleicht ein regionaler Ausspruch. Der Onkel ist der große Zeh und “drüber zu laufen” sagt aus, dass sich das Bein in Innenrotation befindet (der Fuß setzt also etwas nach innen gedreht auf, weil sich das Hüftgelenk entsprechend einstellt hat). Das war bei mir so, bereitete mir keine Probleme, sondern nervte nur durch die Hinweise der Älteren, die mir häufig sagen mussten, dass ich anders laufen soll. 

Zum Thema Diagnostik kann ich nicht viel sagen. Es gab in der ehemaligen DDR Untersuchungen, die ähnlich den heutigen U0 bis J2 sind, aber nicht so ausführlich bzw. über einen so langen Zeitraum, bis ins Teenie-Alter. Ich habe darüber keine Unterlagen gefunden und weiß auch nicht, was eventuelle Vorsorgeuntersuchungen beinhalteten. Ich bin mir aber sicher das ein Hüftdysplasie-Check nur als Sichtbefund mit Beweglichkeitstest erfolgte. Das Hüftscreening mittels Ultraschall wurde erst vor ca. 30 Jahren entwickelt und ist seit Mitte der 90er als hüftsonografisches Screening etabliert.

Eine eher leichte Fehlstellung beim Laufen behinderte mich in keiner Weise. Vielleicht hat mich diese Vorschädigung auch daran gehindert mehr Sport treiben zu wollen. Ich war immer superschlank habe aber Sport in meiner Kindheit regelrecht gehasst.

Ich konnte nie entspannt im Schneidersitz sitzen und mochte es grundsätzlich nicht über längere Zeit auf dem Boden zu sitzen. Wenn ich doch auf dem Boden saß, dann eigentlich immer im komplett nach innen rotierten Beinen. Diese Sitzhaltung, die wie das Gegenteil vom Schneidersitz aussieht, manchmal auch W-Sitz genannt wird. Diese Haltung ist im Kleinkindalter völlig normal und wir mit Reife des Skeletts verschwinden. Ich habe diese Sitzhaltung ziemlich lange geliebt.

Im Alter von 16 Jahren begann ich eine Berufsausbildung, also so ein ganz normaler DDR-Lebenslauf. Obwohl ich einen körperlich schweren Beruf erlernte gab es keine Berufstauglichkeitsuntersuchung, die ich als eine solche bezeichnen möchte. Ich kann mich da an nichts erinnern. Der Beruf war o.k. bereitete keine weiteren Probleme, wahrscheinlich auch deswegen, da mehr Oberkörperarbeit gefordert war und weniger die der unteren Extremitäten.

Es änderte sich sowieso alles mit dem Verschwinden der DDR. Ein anderes Thema, aber eine Wendepunkt in meinem Leben, der alles, aber auch wirklich alles zum Positiven veränderte.

Plötzlich war mein Beruf nicht mehr gefragt. Zur Erklärung, ich bin Töpferin (Kunsthandwerk) und das war nun eher ein Hobby, also nichts, um sich den Lebensunterhalt verdienen zu können.

In dem ganzen Chaos von völlig überforderten Mitarbeitern eines Arbeitsamtes, welches eine völlig neue Institution im Osten war, erhielt ich einen Beratungstermin. Dieser endete mit der Zusage, mir die Umschulung zur Krankengymnastin (heute Physiotherapeutin) zu finanzieren.

Wieder ein körperlich schwerer Beruf. Auch hier gab es keine Tauglichkeitsuntersuchung. Das einzige was ich beibringen musste, war eine Art Attest vom Allgemeinmediziner, mit Fragen ob eine eventuelle Drogenabhängigkeit besteht oder irgendwelche psychischen Erkrankungen diagnostiziert wurden. Keine Abklärung der physischen Konstitution. Ich hatte ja auch keine Ahnung und nicht wirklich Probleme.

Nun befand ich mich in einem völlig neuen Umfeld, ich lernte z.B. den anatomischen Aufbau des Körper kennen. Die Ausbildung zur Krankengymnastin mit Vorlesungen in Anatomie, Seminaren in krankengymnastischen Techniken, all diesen Wissensgebieten gab mir einen völlig neuen Blick. Alleine der Unterricht in FBL (Funktionelle Bewegungslehre nach Klein-Vogelbach) ließ mich Gangbilder und Körperhaltungen wann immer möglich, analysieren. FBL ist in meinen Augen eins der wichtigsten Fächer in der Ausbildung zur Physiotherapeutin, zur Befunderhebung unerlässlich. 

Was ich nun lernte und an Patienten anwendete, kam mir ebenfalls zu Gute. Ich analysierte natürlich auch meinen eigenen Körper. Als erstes lernte ich, dass ein Kind, welches “über den Onkel läuft” nicht so häufig von der älteren Generation angemacht werden sollte. Die Kids können nicht wirklich was dafür. 

Erstaunlich war, als wir im Unterricht KG-T (Krankengymnastische Techniken) die Neutral-Null Methode kennen lernten und uns gegenseitig befundeten. Es war schon erstaunlich welches Bewegungsausmaß ich im Hüftgelenk in Richtung Innenrotation erreichte, während die Außenrotation kaum verfügbar war (diese Werte habe ich leider nicht mehr).

Das war der erste Hinweis und ich glaube unsere Lehrerin  fragte auch, ob bei mir je eine Hüftdysplasie diagnostiziert wurde.

Lange Rede kurzer Sinn. 

Schon während der Ausbildung, merkte ich, dass mein Interesse besonders in der Neurologie lag. Die Neuro, mit Behandlungstechniken, die sehr nah am Patienten stattfinden. Was ich meine, mit kompletten Körpereinsatz des Therapeuten. Ein schwer betroffener Schlaganfall-Patient sitzt auf der Bobath-Bank, der Therapeut hinter ihm auf der Bank und die Detonisierung findet so statt, dass der Therapeut wirklich gut beweglich sein muss, um entsprechend arbeiten zu können. Hier merkte ich es zum ersten Mal bewusst das ich nicht 100%ig mithalten kann. 

Ich denke, durch diese Ausbildung und der Arbeit später in diesem Beruf habe ich automatisch das Richtige, Muskelkräftigung etc., gemacht, um einer Arthrose in meinen Gelenken sinnvoll entgegenzuwirken. 

Einige Jahre später begann ich zu Walken, erst Nordic Walking, dann ohne Stöcker. Das bekam mir gut. Einige Jahre Mitgliedschaft im Fitness-Studio waren bestimmt auch hilfreich und später dann zu Hause, Sport im eigenen kleinen Fitness-Refugium. 

Es begann im Jahr 2018, dass ich Probleme bekam. Erst nachts, mit ziehenden Schmerzen, die mich aufweckten aber irgendwann auch wieder einschlafen ließen. Sie waren aber da, ich begann das Bein in Seitlage zu unterlagern, so ging es wieder, manchmal reichte ein Lagewechsel, andermal dauerte es ehe ich wieder in den Schlaf fand. Mal sahen mehrere Nächte hintereinander so aus, dann hatte ich wieder Ruhe. Einmal konnte ich kaum den Zierkies für unseren Garten mit der Schippe von A nach B schippen, da ich schon während dieser Aktivität Schmerzen hatte, ganz zu schweigen von der folgenden Nacht. Schmerzmittel waren keine Option, symptomatische Behandlungen sind eigentlich immer Mist (persönliche Meinung).

Irgendwann, im Sommer 2020, besorgte ich mir einen Termin bei einem Orthopäden in Berlin. ich weiß noch, ich hatte Schwierigkeiten den guten Kilometer vom S-Bahnhof bis zu seiner Praxis mit einem vernünftigen Gangbild zurückzulegen. Ich bin bis vor einigen Monaten täglich 7 bis 10 km gewalked und nun das! Dieser Arzt hörte mir weder zu, noch war er bereit eine aussagekräftige Diagnose zu stellen. Nach dem Röntgen in seiner Praxis wäre es meine Erwartung gewesen zumindest die Vermutung einer angeborenen Hüftdysplasie zu stellen, auch ohne Röntgen, alleine durch Bewertung meiner Beweglichkeit. Ich bin nicht zu Wort gekommen, ich hatte nicht wirklich eine Chance meine Beschwerden aufzuzeigen. Er war der festen Überzeugung, dass ich meine Muskulatur kräftigen muss. Ich versuchte nur anzubringen, dass ich fast jeden Tag im schmerzfreien Bereich an der Kräftigung meiner Muskulatur arbeitete. Keine Chance. Er sah auch auf dem Röntgenbild, weder eine Fehlstellung des Acetabulums (das ist vielleicht der Aufnahme geschuldet, keine Ahnung, ob man da beim Röntgen einen speziellen Winkel oder so einhalten muss), noch sah er irgendetwas von Arthrose. Ich bekam ein KG-Rezept ausgehändigt und fand mich sehr schnell vor dem Sprechzimmer wieder. Den Ausdruck des KG-Rezepts hätte er sich sparen können, aber so ist dass, wenn der Patient keine Möglichkeit hat etwas zu sagen. Das Rezept landete im Altpapier und ich suchte nach einem anderen Orthopäden.

Es vergingen Wochen, dann hatte ich einen Termin, es war Ende 2020. Ich wurde zum MRT geschickt und mit diesem Befund kam die erste Diagnose Verdacht auf Labrum Läsion. Ich erhielt eine Überweisung zum Arthro-MR und sollte mich im Vivantes-Klinikum Friedrichshain melden. Dort: keine Termine in den nächsten Wochen, ja Monaten. Also nahm ich Kontakt zur Charité in Berlin-Mitte auf und erhielt einen Termin für die Hüft-Sprechstunde. Ich war erstaunt, dass es soetwas Spezifisches gab (heute nur Spezialisten für Hüfte!). Dieser Termin war genau das Richtige. Meine Beschwerden wurden erfragt, ein neues Röntgen-Bild gemacht, dieses danach zusammen mit mir ausgewertet. Aussage ungefähr so: Das sei eine ganz klassische Hüftdysplasie. Zusammen mit dem zuvor angefertigten MRT, welches den genauen Zustand der Gelenkflächen beschrieb, gab es eine ganz gute Einschätzung, was möglich sei. Wir sprachen noch nicht über Umstellungsosteotomie. Es war aber die gesicherte Diagnose, mit der ich erneut beim überweisenden Orthopäden aufschlug. Dieser brachte dann die PAO ins Gespräch und schickte mich erneut zu Vivantes, wo es weiterhin keine Termine gab.

Ich also wieder zur Charité und jetzt wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Es war Januar 2021. Ich saß da, als potentielle und wahrscheinlich älteste PAO-Patientin der letzten Jahre, aber das biologische Alter zählt und dieses erlaubte die Indikation einer PAO nach Ganz. Ein zweiter Arzt wurde hinzugezogen und erklärte erneut, auf was ich mich einließe, aber ganz ehrlich, die Alternative wäre eine Hüft-TEP in nicht allzu weiter Zukunft und ich weiß, welche Einschränkungen ein künstliches Hüftgelenk mit sich bringt, ich bin informiert darüber, dass dieses Teil auch nur eine befristete Lebensdauer haben kann und welche Schwierigkeiten es bringen kann.

Vom Oberarzt wurde mir eine Bedenkzeit eingeräumt, mit der Bitte ihn per eMail über meine Entscheidung zu informieren. Das alles klang gut und machte einen durchdachten Eindruck.

Ich sprach mit meiner Familie, da klar war, dass ich nach einer entsprechenden Operation für einige Zeit nicht so einsetzbar sein werde, wie gewohnt.

Die Entscheidung war eindeutig, ein klares JA!

Die OP wurde letztendlich für Anfang Mai geplant.

Ich bin Jahrgang 1970, d.h. mit 51 Jahren habe ich mich dieser OP unterzogen. Einer der Ärzte sprach von einer Zeitgeber-OP, oh ja sie verschafft mir Zeit, sie verschafft mir hoffentlich ausreichend Zeit, ehe ich irgendwann über eine Hüft-TEP nachdenken muss. 

Ich werde nach der OP und wenn ich wieder voll einsetzbar sein werde, immer darauf bedacht sein, muskulär gut aufgestellt zu sein. Mein (damaliger) Beruf der Physiotherapeutin versorgt mich hierfür mit dem nötigen Wissen und den entsprechenden Tools. Ich denke auch, dass dieses Hintergrundwissen, das ich habe, die Ärzte so entscheiden ließ und mir den Weg für diese OP zu öffnete. Als über 50 Jährige eine Umstellungsosteotomie zu erhalten ist nicht wirklich der Standard…


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